Die Gradiva

Unser Institut hat ein Logo, das unser Vorlesungsverzeichnis und den offiziellen Briefkopf schmückt. Es zeigt eine junge, in ein leichtes Tuch gekleidete Frau, deren charakteristisches Merkmal das Voranschreiten ist. Diese junge Frau ist heute allgemein als Gradiva, das heißt ›die Schreitende‹, bekannt. Sie ist auf einem fast zwei Tausend Jahre alten Relief dargestellt, das sich in den Vatikanischen Museen in Rom befindet.

Gradiva
Foto von Rama, Wikimedia Commons, Cc-by-sa-2.0-fr

Der Beiname Gradivus war im alten Rom allein Mars, dem nach Jupiter ranghöchsten Gott vorbehalten. Mars war der bei Auseinandersetzungen unbeugsam Voranschreitende.

Wilhelm Jensen (1837-1911), ein heute fast vergessener norddeutscher Dichter, machte die Frauenfigur, der er den Namen Gradiva gab, zum Zentrum seiner gleichnamigen Novelle, die 1903 erschien. In dieser werden bei der Hauptfigur durch das Betrachten dieses Frauenbildes und ihres charakteristischen Schreitens Kindheitserinnerungen wach. Durch intensive Traumbilder werden bei ihm lange »vergessene«, wir sagen verdrängte, Liebesgefühle zu einer Jugendfreundin wieder ins Bewusstsein geholt.

Was hat das Relief mit der Psychoanalyse bzw. mit unserem Institut zu tun? Was mag die Gründungsmitglieder unseres Institutes bewogen haben, die Gradiva als visuelle Erkennungsmelodie zu wählen?

An Jensens Novelle hat Freud erstmals in seiner Schrift »Der Wahn und die Träume in W. Jensens Gradiva« (1907) die Erkenntnisse seiner Traumdeutung und das zu seiner Zeit noch revolutionäre und anstößige Wissen um Unbewusstes und Verdrängtes angewandt. Das Logo ist also sicher eine Reverenz an den Schöpfer der Psychoanalyse. Dies ist jedoch nicht zureichend, denn dann hätten sie auch den Moses des Michelangelo wählen können, eine Figur, derentwegen Freud mehrmals nach Rom fuhr und die ihn Zeit seines Lebens beschäftigte.
Die so besonnen und sich ihrer selbst sicher zu sein scheinende Frau ist auch als Allegorie der Psychoanalyse anzusehen, die sich nach ihren »wilden« Anfangsjahren heute in einem intensiven Dialog mit ihren Nachbardisziplinen befindet, allen voran den Neurowissenschaften.
Folgende Zeilen Theodor Storms mögen einem zusätzlich einfallen:
»Sie war doch sonst ein wildes Kind, nun geht sie tief in Sinnen.«
Im Beinamen Gradiva, die Voranschreitende, steckt auch das kämpferisch Vitale, um sich heute im Chor der unterschiedlichen Psychotherapierichtungen behaupten zu können. Sie kann also auch für die Weltzugewandtheit, Offenheit und Dialogbereitschaft unseres Instituts stehen.

Klaus Behr